Bei Bibliomedia Lausanne haben sich am 20. Juni 2026 rund 100 Autor*innen, Bibliothekar*innen, Übersetzerinnen, Veranstalter*innen, Verleger*innen und Literaturschaffende getroffen. Alle zwei Jahre im Juni nimmt sich das Symposium FI&L (Feminismus, Intersektionen & Literatur) Zeit und Raum, gemeinsam über Strukturen nachzudenken. Das kommt besonders im prekären Kulturbetrieb gerne zu kurz, weil Zeit und Geld dafür scheinbar fehlen.
Dabei gibt es viel zu tun: Im Literaturbetrieb gibt es zu viele Codes, Dissonanzen, Gatekeeper*innen, Hürden und Missverständnisse. Gemeinsam können wir die strukturellen Diskriminierungsebenen angehen, genauso wie auch die spezifischen Ausprägungen und Herausforderungen der unterschiedlichen Bereiche und Sprachregionen.
Blinde Flecken
- Wer privilegiert ist, bewegt sich oft durch Räume und Strukturen, ohne ihre Barrieren überhaupt wahrzunehmen. Inklusion heisst nicht, dass die weniger Privilegierten ihre Benachteiligung erklären müssen, sondern dass die Privilegierten lernen hinzusehen, zuzuhören und Verantwortung zu übernehmen.
- Die eigenen blinden Flecken zu hinterfragen und den Kreis zu erweitern, braucht Zeit (= Geld).
Diversität
- Diversität umfasst neben Geschlecht(sidentität) auch Alter, soziale Rasse, Klasse, Religion, Sexualität…
- Wir leben in einer postmigrantischen Schweiz, die auch im Literaturbetrieb sichtbar und gleich behandelt werden soll.
- Sensibilisierung bzgl. Othering.
- Tokenism ist keine echte Diversität.
Förderung
- Die Förderprozesse sind undurchsichtig: Es braucht mehr Transparenz und weniger Bürokratie.
- Öffentliche Kulturgelder sollen ein Gegengewicht zu kommerziellem Erfolg sein. Sie fördern die Demokratie und sind kein politisches Druckmittel.
- Wir wünschen uns eine verstärkte Überwachung durch die Förderinstitutionen hinsichtlich der Einhaltung ethischer Werte, Diskriminierung sowie sexistischer und sexueller Gewalt.
- Es braucht klare Massnahmen gegen Interessenskonflikte, die nicht auf Eigenverantwortung und Integrität beruhen (anonymisierte Einreichungen, öffentliche Preisgestaltung, klare Reglemente…)
Kulturjournalismus
- Eine vielfältige, qualitativ hochstehende Auseinandersetzung mit Literatur kann weder an die Institutionen, noch an KI ausgelagert werden. Kulturberichterstattung ist ein Service public.
Lesekompetenz
- Zugang zu Literatur nicht nur am Gymnasium fördern.
- Weil wir zu wenig lesen, sind wir als Gesellschaft in Gefahr, uns nicht mehr auf Widersprüche und Komplexität einlassen: Wer sorgt sich darum?
Minderheitssprachen
- Mehr Repräsentation in Bibliotheken, Literaturhäusern, aber auch an Schulen.
Spuren
- Das erste feministische Literatursymposium der Schweiz fand in den 1990er Jahren statt. Aktives Erinnern: Wir beginnen nicht bei Null.
- How to Suppress Women‘s Writing (Joanna Russ, 1983) beschreibt, wie das Schreiben systematisch torpediert wird: Aberkennung von Urheberinnenschaft, Abwertung von Themen und Formen, die Reduktion auf Biografie statt Werk sowie die fortlaufende Kanonisierung männlicher Perspektiven als Massstab.
- Sichtbarmachen der unsichtbaren Arbeit hinter dem Schreiben (Förderung, Archivierung, Vermächtnis, Lebensunterhalt).
Verlage
- Obligatorische Gewissensklausel in Verlagsverträgen: Möglichkeit des Vertragsausstiegs im Falle einer ideologischen Kursänderung und/oder wenn das Verlagsverhältnis toxisch wird.
- Eine Abgabe von 5 % für den Vertrieb zur Finanzierung eines Fonds für kreatives Schaffen, um Autor*innen ein kontinuierliches Einkommen zu sichern. Finanzierung von Autor*innenresidenzen mit Unterstützung der Förderstellen in Partnerschaft mit unabhängigen Verlagen, einschliesslich einer Phase für redaktionelles Lektorat.
- Verpflichtende Zusammenarbeit mit «Safe Spaces Culture», um als Verlag unterstützt zu werden.
Vernetzung
- Die Vernetzung zwischen (Vereins- und öffentlichen) Bibliotheken zu feministischen Themen stärken (Kataloge, Index-ierung, Vermittlung und Weiterbildungen).
Wettbewerb
- Literatur ist kein Wettbewerb.
- Bildung ist kein Wettbewerb.
Zugänglichkeit
- Zugang ist ein Menschenrecht.
- Es gibt das Konzept «Access Rider». Können diese Massnahmen von Institutionen fest übernommen/installiert werden, falls nicht: was braucht ihr?
Wir wünschen uns einen solidarischen Literaturbetrieb
und dafür brauchen wir uns alle.